Kontakt    Newsletter    Kurse    Suche öffnen

Flussfahrt auf kambodschanisch

Flussfahrt auf kambodschanisch

Wie ein Boattrip zum Abenteuer wurde.

Von Ort zu Ort reist man in Kambodscha am einfachsten mit dem Bus. ÖV in unserem Sinne gibt es nicht, die Busunternehmen sind privat. Zur Abwechslung kann man einige Strecken auch mit dem Boot fahren, das dauert einiges länger, dafür sieht man mehr von der Landschaft. Das war unser Plan, als wir in Siam Reap in einem der unzähligen Reisebüros (jeder, der irgendwas verkauft, ist auch ein Reisebüro) die Bootsfahrt auf dem Fluss Sangkar nach Batangbang gebucht haben. Auf dem Plakat war ein nettes, kleines Touri-Boot abgebildet. Wenn man Lust habe, könne man auch mal aufs Dach sitzen während der sechsstündigen Flussfahrt, erzählt der Tourismus-Fachmann, während er nebenei Dollars wechselt für einen Tuktuk-Fahrer. Fantastisch, wir buchten für 20$ pro Person, was für kambodschanische Verhältnisse enorm teuer ist. Zum Vergleich: eine Busfahrt von 4 bis 5 Stunden Dauer kostet etwa 6$ – 10$.

Am nächsten Morgen wurden wir pünktlich von einem mürrischen Tuktuk-Fahrer abgeholt und vor irgendeinem Hotel wieder ausgeladen zur Zwischenlagerung. Dort trafen wir auf 14 Mitreisende aus der ganzen Welt. Schliesslich kam ein Mini-Bus angefahren. Neun Plätze für 16 Menschen mit Gepäck bei klebrigen 30°, nichts für Menschen mit Platzangst. Die Fahrt dauerte einiges länger als erwartet, da die Zuflüsse aufgrund der Trockenzeit sehr stark zurückgegangen waren. So fuhren wir eine gefühlte Ewigkeit von Schlagloch zu Schlagloch, bis wir endlich bei den Booten ankamen.

Da ging der Spass erst richtig los. Von den versprochenen Booten war keines in Sicht. Die Flotte bestand aus uralten und angegammelten Barken, notdürftig zusammengeflickt und nicht überaus vertrauenserweckend. Wir schulterten unsere Rucksäcke und stellten uns in die Reihe. Ziemlich schnell ging es nicht mehr weiter, das Boot war voll randvoll, aber es waren noch 10 Leute übrig. Statt eines weiteren Bootes standen uns zwei Möglichkeiten offen: zurück in die Stadt oder sechs Stunden bei 35° in der gleissenden Sonne auf dem heissen Blechdach mitfahren. Unsere Proteste wurden mit einem Schulzerzucken abgetan. Zurück nach Siam Reap wollte niemand und wer einen Platz hatte, blieb stur sitzen. Also Rucksack aufs Dach geworfen und rauf aufs Dach.

Das Abenteuer begann. Der Kapitän hielt das knarzende Boot im seichten Gewässer schön in der Mitte. Nach nur zehn Minuten starb der Motor ab. Der Skipper kletterte zum Heck und zog die Propellerwelle hoch: allerlei Plastikmüll und Fischernetze hatten sich in der Schiffsschraube verfangen. Während der Bootsgehilfe in die braune Brühe sprang um sich den Schaden anzusehen, fuchtelte der Kapitän mit einer kleinen, rostigen Eisensäge herum. Diese war, nebst einem Hammer, das einzig vorhandene Bord-Werkzeug, welches uns aus dieser Misere befreien sollte. Der Gehilfe riss fluchend an den Netzen herum, die Säge war keine grosse Hilfe. Zum Glück hatte ich mein scharfes Schweizer Taschenmesser dabei. Ich warf es dem Gehilfen zu. Es glitt ihm sauber durch die Finger und verwand in der braunen Sauce. Noch unschlüssig, ob ich mich jetzt ärgern soll oder nicht, verschwand auch der Gehilfe und tauchte kurz darauf mit dem Messer in der Hand wieder auf. Im Nu war der Müll weggesäbelt und -gehämmert, die Fahrt konnte weiter gehen.

Das Boot war in einem desolaten Zustand, die Reling mit viel Luft und Altmetall zusammengeschweisst, Steuerrad und Zündschloss aus einem Honda Civic entnommen. Zum Hupen hielt der Skipper zwei offen liegende Drähte zusammen. Während der Motor schwarze, ölige Wolken aushustete, knarzte und ächzte der Kahn unter der Last der zu vielen Passagiere.

Wir waren keine halbe Stunde unterwegs, wurde der Motor wieder abgewürgt. Mein Messer kam zum zweiten Einsatz. Bis wir schliesslich den Hauptstrom erreichten, steckten wir noch ein paar Mal fest. Hier war das Wasser tiefer, der Propeller konnte sich nun frei bewegen.

Endlich konnten wir die Landschaft geniessen. Wir tuckerten vorbei an allerlei Vegetation und schwimmenden Dörfern. Die Menschen hier leben auf und mit dem Fluss. Sie essen, trinken und verarbeiten alles, was der Fluss bringt. Ausserhalb der Dörfer wohnen Menschen in schlimmster Armut am Ufer, viele in ihrem eigenen Abfall. Überhaupt ist der Fluss eine grosse Müllhalde. Die Ufer sind übersät mit Pet-Flaschen und Plastikmüll, die Menschen haben andere Sorgen als die fachgerechte Entsorgung ihrer Abfälle. Es fehlt allerdings auch jegliches Wissen über Umweltschutz, so packte unser Bootsgehilfe ein Sandwich aus, pickte die Hühnchenstücke raus und schmiss den Rest, mitsamt der Plastikverpackung, wie selbstverständlich über Bord.

Unter den Passagieren machte sich langsam Hunger und Durst breit. Aufgrund der zahlreichen Pannen waren wir etwas aus dem Zeitplan geraten. Auf Anfrage erklärte der Kapitän, dass wir in 15 Minuten zum Mittagessen anhalten würden. Das behauptete er gut zwei Stunden lang, bis wir um 14.00 wirklich in einem der schwimmenden Dörfer anlegten. Wir stürmten die Kühlbox und deckten uns mit Wasser und Essbarem ein. Auch das Klo wurde rege genutzt. Dazu bleibt nur zu sagen: Der Fluss holt’s, der Fluss bringt’s…  Flussabwärts badeten wieder die Kinder.

Satt und rehydriert platzierten wir uns wieder auf dem kochend heissen Blechdach. Von den Passagieren im Schatten wollte keiner tauschen. Die Stimmung in der selbsternannten Upperclass wurde immer besser. Dabei spielten ein paar Biere aus der Kühlbox sicher auch eine Rolle.

Das Boot tuckerte an unzähligen Fischernetzen, winkenden Kindern, schöner und vermüllter Landschaft vorbei. Mit ein paar Unterbrüchen, unter anderem wegen einem kleinen Motorbrand, fuhren wir dem Abend entgegen. Es wurde kühler und angenehmer. Und plötzlich wurde das Dach auch für die Schattensitzer interessant, was dazu führte, dass das Boot in den Kurven in eine gefährliche Schieflage geriet und das Wasser nur knapp nicht über den Bootsrand schwappte. Das führte kurzfristig zu einer Panik, da zur Schräglage auch noch das Dach einzustürzen drohte, die morschen Balken unter dem Blech knackten schon gefährlich laut!

Irgendwie ging alles gut und ohne eine Vorwarnung legte unser Boot an einem Wiesenbord an. Vom Hafen war weit und breit keine Spur. Endstation. Aus purem Zufall standen da schon mehrere Tuktuks bereit, die uns für einen absoluten Wucherpreis in die Stadt fahren würden. Wir sind weit genug ausserhalb der Stadt, dass keiner mit dem ganzen Gepäck zu Fuss gehen will. Saubere Mafia-Masche…

 

Die nächsten zwei Tage trafen wir in Battangbang immer wieder auf Dach-Bekanntschaften (Oh look, another survivor) und hatten doch viel zu lachen.